von Geistern und Göttern, von Wunden und Wundern, vom Trauma zum Text 

  

Am Anfang rufe ich die Erde, das Wasser, die Luft und das Feuer: die vier Elemente. Ich bilde einen Schutzkreis, indem ich mich verbeuge: nach Norden, Westen, Süden und Osten. Dann beginne ich mein Ritual mit Räucherwerk, Gebeten und Sprüchen, mit Symbolen, Düften und Kerzen, mit Tee oder Wein. Ich lege die Karten oder besinne mich auf mein Anliegen; das kann sein: das Loslassen oder die Reinigung oder die Bitte um Schutz, um Geld oder um Heilung.

  

Ein solches Ritual gehört ebenso zu meinem Alltag wie das Schreiben. 

Und so kam es dazu:


Wenn ich als 6-Jährige aus dem Fenster meines Kinderzimmers im vierten Stock blickte, sah ich auf die Bäume, Wege und Gräber des Melatenfriedhofs, eines bekannten alten Friedhofs in Köln. An Allerheiligen leuchteten dort in ihren roten Gläsern unzählige Kerzen und am Abend des 1. Novembers stand ich am Fenster und sehnte mich danach, dort unten zu sein, zwischen den Kerzen und Gräbern, Teil dieser Stimmung zu werden, von Abschied und Ende, die mir aber auch und vor allem den Zugang bedeutete zu etwas, was ich nicht verstand: zur Welt der Seelen. Der in Stein gehauene Sensenmann, der auch heute noch halb verborgen zwischen Bäumen auf denjenigen wartet, der sich die Mühe macht, ihn zu suchen und in dessen Nähe meine Schwester und ich uns manchmal in der Abenddämmerung schlichen, flößte uns solche Furcht ein, dass wir mit bis zum Hals klopfenden Herzen die Flucht ergriffen, kaum dass wir ihn erblickt hatten.

Wir suchten ihn auf, wissend, dass wir seinen Anblick nicht würden ertragen können.   


Ich habe mich oft gefragt, wofür dieser Sensenmann in meinem Leben steht. Und nicht nur er, sondern was die Tatsache bewirkt hat, dass ich die Zeit zwischen meinem dritten und zwölften Lebensjahr dort gewohnt habe, in unmittelbarer Nachbarschaft des Friedhofs und Sensenmanns, in der Gesellschaft von Toten und Geistern. 


Für mich steht die Statue des Sensenmannes heute für all das Verdrängte, das ich nicht anzusehen wage, da es zu schmerzhaft ist oder zu furchteinflößend. Denn bereits als Kind war ich nicht nur auf der Flucht vor dem Sensenmann. Ich flüchtete auch vor frühen, verdrängten Geschehnissen, die ich nicht verstehen konnte; ich flüchtete vor meinen Ängsten und auch vor den Geistern, die mich heimsuchten und von denen ich heute weiß, dass sie nur die Straße überqueren mussten, um in mein Zimmer zu kommen. 

Im Lesen und Schreiben fand ich früh Schutz, dort fühlte ich mich sicher; dort kam ich auch bei mir selbst an. 

Erst viel später habe ich den Grund dafür verstanden: Es ist die Tatsache, dass ich im Schreiben sogar hinsehen kann. Dass im Schreiben selbst das Kind, das ich war, nicht weglaufen muss, sondern stehenbleiben, den Sensenmann und all das, was mich ängstigt, ansehen kann. Und dass das bloße Stehenbleiben und Hingucken heilsam ist. Aber im und durch das Schreiben kann ich noch mehr: Ich kann weitere Türen aufstoßen, kann in versteckte Räume vordringen, in denen ungeahnte Erfahrungen, Emotionen und Erlebnisse verborgen liegen, die alle meine sind. Gute und schlechte. Deshalb komme ich im Schreiben zu mir. 

Und das möchte ich weitergeben: Ich möchte anderen helfen, verborgene Anteile in sich selbst zum Klingen zu bringen. Ich möchte ihnen helfen, im und durch das Schreiben sich selbst zu erkennen. Mit allem, was dazu gehört.

Aber es geht mir nicht nur um das Schreiben, nicht nur um die Selbsterfahrung, die darin liegt. Es geht mir auch um die inneren Bilder. Um das innere Wissen. Um abgespaltene Seelenanteile, um frühere Leben, um all das, was mich und meine KlientInnen wirklich ausmacht.

Im Rahmen von Seelenreisen, schamanischen Rückführungen und Ritualen bin ich in Bereiche des Unbewussten vorgedrungen, die uns im Alltag verschlossen bleiben; ich habe innere Bilder aus früheren Leben und Signale empfangen, habe Krafttiere und Schutzgeister getroffen, die mich mit Teilen meiner Selbst in Berührung gebracht haben, die den meisten Menschen in unserer Gesellschaft heutzutage unzugänglich bleiben. All diese Erfahrungen fließen in meine Arbeit ein. 


Mein Wissen der weißen Magie habe ich in der Hexenschule bei Tania Maria Niermeier in Berlin, mein Wissen der Astrologie bei Christian Birkner, ebenfalls in Berlin, erworben. Ich habe einige Kurse zur Homöopathie an der Samuel Hahnemann Schule in Berlin belegt. In meinem ersten Leben war ich Buchhändlerin und schloss ein Studium mit erstem Staatsexamen in Deutsch und Französisch an der Universität zu Köln ab; ich war langjährig Sprachlehrerin bei Berlitz und Coca-Cola, hatte zweimal Brustkrebs, habe zwei Kinder und habe vier Jahre lang in Atlanta (Georgia/USA) gelebt. 

Ich veröffentlichte Kurzprosa in Zeitschriften und Anthologien unter meinem Mädchennamen Heike Schrader sowie Geschichtenbände mit erotischen Texten unter Pseudonym in  Kleinverlagen.   

2016 erschien der Roman „Die Berührung, Erinnerung an eine sadomasochistische Liebe“ im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf. Auf der Suche nach einem Verlag erhielt ich damals von einigen Literaturagenturen die Antwort, dass der Roman ihnen zwar stilistisch gefalle, das Thema jedoch schwer vertretbar sei, bis Martin Brinkmann sich der Vermittlung annahm. So wurde aus einem Text, den ich selbst nie für erotisch gehalten habe, da er das Trauma eines sexuellen Missbrauchs sowie die in unserer Gesellschaft ritualisierte Gewalt gegen und Sexualisierung von Frauen zum Gegenstand hat, ein Roman, der in einer Reihe mit erotischen Texten veröffentlicht wurde. Dies hängt damit zusammen, dass sexuelle Szenarien explizit beschrieben sind, da es für mich zum Zeitpunkt der Verfassung des Textes noch keine Möglichkeit einer größeren, literarischen Distanz gab. Mein größter Wunsch wäre erfüllt, wenn ich als Autorin literarischer Texte Anerkennung finden würde.Zurzeit schreibe ich an einem Roman, in dem ich die scheinbar unmögliche Verbindung von Urban Mystery mit literarischem Anspruch anstrebe. Für den Abschluss meines Studiums im Biographischen und Kreativen Schreiben an der Alice Salomon Hochschule in Berlin fehlt noch die Masterarbeit.